Risiko und Nutzen von herausfordernden Spielplätzen

Herausfordernde Spielplätze sind eine offensichtliche Lösung für das Problem körperlicher Inaktivität bei den Kindern von heute. Sie regen Kinder dazu an, freiwillig selbst gewählten körperlichen Aktivitäten nachzugehen - aber sind sie auch sicher?

Kinder zu haben, verleiht dem Leben einen tiefen Sinn. Vom Augenblick der Geburt des Kindes an kennen Eltern jedoch auch unweigerlich die Angst davor, das zu verlieren, was man am meisten iebt. Aus dieser Angst heraus übertreiben es viele Eltern oft, wenn es um den Schutz ihrer Kinder geht. Sie versuchen dann vielleicht sogar, jedes Wagnis und jede Herausforderung gänzlich aus dem Weg zu räumen. In einem solchen Fall spricht man auch von Helikopter-Eltern. Auf dem Spielplatz kann diese Art von Überfürsorglichkeit nur allzu leicht kontraproduktiv sein und einen der igentlichen Zwecke von Spielplätzen zunichte machen – nämlich, durch körperliche, spielerische Erlebnisse zu lernen, das Leben zu meistern. 

Es scheint immer mehr Eltern und Großeltern zu geben, die sich beschweren, dass Spielplätze zu risikoreich sind. Betreiber von Spielplätzen berichten von zahllosen Beschwerden und irrationalen ngsten der Erwachsenen auf Spielplätzen. In den meisten Fällen basieren diese Ängste auf Unwissenheit darüber, wie die Sicherheit von Spielplätzen zertifiziert wird. Sie beruhen jedoch auch auf einem Ungleichgewicht in Bezug auf die Wahrnehmung von echten Gefahren und gesunden Herausforderungen.

Spielplätze bieten nützliche Wagnisse

Für eine positive Entwicklung des Kindes ist es entscheidend, dass es auch Risiken eingehen darf. Risiken einzugehen, hilft Kindern dabei, sich in der Welt sicher zu bewegen. Diese wichtige ähigkeit kann man nur auf praktischem Wege erlernen. Der Nervenkitzel, der mit solchen Abenteuern einhergeht, ist der klassische Motivationsfaktor beim Spielen auf Spielplätzen: Alles, was auf andlungen und Bewegungen reagiert oder mit Geschwindigkeit oder Höhe spielt, zieht Kinder magisch an – ganz einfach, weil es im Bauch so schön kribbelt. Daher sind Schaukeln, schwingende Seile, Drehspielgeräte und bewegliche Kletternetze auf Spielplätzen so unglaublich beliebt.

Eine wachsende Anzahl wissenschaftlicher Studien belegt, dass gute Spielplätze für die Entwicklung der körperlichen Fähigkeiten von Kindern wichtig sind. Letztendlich bilden diese Fähigkeiten die Grundlage, damit Kinder lernen, sich immer selbstsicherer auf dem Spielplatz wie auch in der Welt zu bewegen. Körperlich herausforderndes Spielen lehrt Kinder, mit Risiken und stressigen Situationen umzugehen. Kurz gesagt: Spielplätze bieten Möglichkeiten für körperliche Aktivitäten und regen die Kinder dazu an, aktiv zu sein, mit anderen in Kontakt zu treten und zu lernen. Weitere Studien zeigen: Im Vergleich zu anderen Freizeitangeboten bieten gut ausgestattete Spielplätze den Kindern die meisten Möglichkeiten, um sich körperlich zu betätigen.

Die offensichtlichen Risiken körperlicher Inaktivität

Wenn es um körperliche Betätigung und mögliche Risiken für Kinder geht, sollten Eltern und Entscheidungsträger auf etwas Wichtiges aufmerksam gemacht werden: Statistisch gesehen gibt es viel schwerwiegendere Risiken für die Sicherheit von Kindern als wildes Spielen auf dem Spielplatz: Zu viele Kinder bewegen sich nicht – wie von der Weltgesundheitsorganisation (WHO)  empfohlen – mindestens 60 Minuten pro Tag. In Singapur zum Beispiel liegt das durchschnittliche Aktivitätsniveau von Schülern an weiterführenden Schulen unter dem empfohlenen Richtwert – so berichtet es das Gesundheitsministerium. Das bedeutet, dass in Singapur ein durchschnittliches Kind körperlich inaktiv ist. Die Kosten – sowohl auf persönlicher als auch auf gesellschaftlicher Ebene – sind enorm. Körperliche Inaktivität kann sich negativ auf die physische, soziale und sogar kognitive Entwicklung von Kindern auswirken. Eine Studie aus der französischen Fachzeitschrift The Lancet besagt, dass körperliche Inaktivität einer von vier Hauptfaktoren für vorzeitigen Tod ist (die anderen sind Tabak, Alkohol und Fettleibigkeit).

 

5 Tipps für sichere Spielplätze mit vertretbarem Risiko

#1

Greifen Sie spannende Aspekte der Umgebung im Design auf (z. B. Hänge, Bäche).

#2

Wählen Sie altersgerechte Spielgeräte aus, die zusammen mit Kindern entwickelt und von ihnen getestet wurden.

#3

Achten Sie darauf, dass die Spielgeräte gemäß relevanten Sicherheitsnormen zertifiziert sind.

#4

Achten Sie darauf, dass der Spielplatz die Richtlinien in Bezug auf Platz und Oberflächen einhält.

#5

Entscheiden Sie sich bei beweglichen Spielgeräten für robuste, langlebige und technisch ausgereifte Lösungen.

Spielplätze: eine sichere Lösung für das fatale Risiko körperlicher Inaktivität

Herausfordernde Spielplätze sind eine offensichtliche Lösung für das Problem körperlicher Inaktivität bei den Kindern von heute. Sie regen Kinder dazu an, freiwillig selbst gewählten körperlichen Aktivitäten nachzugehen. Diese Art von Aktivitäten geben Kinder häufig als eine ihrer liebsten Freizeitbeschäftigungen an. Die Leitlinie der WHO zu körperlicher Aktivität und Gesundheit (Global Recommendations on Physical Activity for Health) beschreibt, welche Aktivitäten für Kinder im Alter von 5 bis 18 Jahren als „körperliche Aktivitäten“ gelten. Das Spielen nennt die WHO dabei an erster Stelle. Ein guter und herausfordernder Spielplatz muss natürlich auch alle relevanten Sicherheitsnormen erfüllen. Diese Normen machen es möglich, dass das Spielen sowohl herausfordernd als auch sicherer gestaltet werden kann. Sie schaffen die Rahmenbedingungen, innerhalb derer wir Designer unterhaltsame, herausfordernde Spielerlebnisse entwickeln können. Letztendlich bieten die Sicherheitsnormen Eltern und Kindern Möglichkeiten für altersgerechtes, unterhaltsames und freies Spielen in einer sicheren Umgebung. Untersuchungen des dänischen Instituts für die statistische Unfallanalyse, das von Prof. Niels Dieter Rock geleitet wird, haben gezeigt, dass Kinder nur in extrem seltenen Fällen auf Spielplätzen verunfallen. Zu Hause und in der Sporthalle geschehen dagegen die meisten Unfälle von Kindern.

Sind die Spielplätze von heute zu sicher?

In der Debatte über die Sicherheit von Spielplätzen ist in den letzten zehn Jahren immer wieder die Frage aufgekommen, ob öffentliche Spielplätze zu sicher geworden sind:

  • Prof. Sandseter aus Norwegen schrieb internationale Schlagzeilen, als sie in ihrer Doktorarbeit behauptete, körperliche Aktivitäten müssten im Alltag der Kinder viel risikoreicher sein, als dies  aktuell der Fall ist.
  • Ein weiterer bekannter Teilnehmer an der Sicherheitsdebatte ist Prof. David Ball aus England. Er hat sich für einen Ansatz ausgesprochen, bei dem Risiko und Nutzen von Spielplätzen sorgfältig abgewogen werden. Gleichzeitig weist er seine Leser darauf hin, dass Spielplätze statistisch gesehen sicherer sind als das eigene Zuhause und dass ein wichtiger Zweck von Spielplätzen darin besteht, vertretbare Risiken einzugehen.
  • Die Arbeit von Mike Lanza zum Thema „playborhoods“ (eine Wort neuschöpfung aus den englischsprachigen Begriffen für Spielen und Nachbarschaft) betont stark, dass gefährliches Spielen nützlich ist, damit sich Kinder zu gesunden Erwachsenen entwickeln können.

Wenn man sich die Orte ansieht, die Städte heutzutage als Spielplätze bezeichnen, wird schnell klar, dass sie in vielen Fällen eher langweilig sind: 
Es gibt sogar Schulen und Gemeinden, die nicht einmal Schaukeln auf ihren Spielplätzen aufstellen, weil sie Angst vor Rechtsstreitigkeiten haben. Andere Projekte unterbinden zu wildes Spielen, weil sie befürchten, dass zu viele Besucher Beschwerden von den Anwohnern nach sich ziehen würden. Einige Projekte geben sogar vor, dass keine vorgefertigten Spielgeräte aufgestellt werden dürfen – also auch keine sorgfältig geprüften Drehspielgeräte, Schaukeln oder Wippen. Obwohl es innovative Spielgeräte gibt, die vor allem älteren Kindern die Herausforderungen und Wagnisse bieten, die das Spielen spannend machen, scheuen sich die Verantwortlichen manchmal davor, diese risikobehafteten Lösungen auszuwählen – aus Angst vor Rechtsstreitigkeiten. Städte und Planer von Spielplätzen fürchten die Beschwerden von Eltern.

Der verlockende Nervenkitzel des Spielens

Dennoch gibt es einige Entscheidungsträger, die sich trauen, aufregende Spielplätze anzubieten, die hohe, schnelle und herausfordernde Elemente für alle Altersgruppen bereithalten. Selbstverständlich entscheiden sie sich für Geräte, die Fachleute zusammen mit Kindern geprüft haben, damit sie die Anforderungen an Ergonomie, Spielverhalten und Sicherheit erfüllen. Sie werden damit belohnt, dass die Spielplätze zu den beliebtesten Treffpunkten in ihren Städten werden. Um die Wurzel des Problems zu beseitigen, müssen wir uns der irrationalen Angst der Erwachsenen zuwenden. Hier haben die Verantwortlichkeiten eine Aufgabe zu erledigen, die der öffentlichen Gesundheit dient. Es ist eine Bildungsaufgabe. Noch dazu eine sehr wichtige. Denn solange Erwachsene davor zurückschrecken, den körperlichen Fähigkeiten der nächsten Generation zu vertrauen, besteht die Gefahr, dass interessante Spielplätze irgendwann aussterben. Dann machen Spielplätze gar keine Freude mehr. Und Kinder werden der entscheidenden körperlichen Entwicklung und den gesundheitlichen Vorteilen beraubt, die altersgerechte, herausfordernde, sorgfältig geplante Spielplätze erst möglich machen.

 

Von Jeanette Fich Jespersen, Leiterin des KOMPAN Spielinstituts